Der Kanzlerbungalow in Bonn

Liebe Leser,

vor einigen Wochen habe ich hier über „Verlassene Orte“ geschrieben, daran schließt sich mein heutiger Blogbeitrag über den Bonner Kanzlerbungalow ein bisschen an. Er war von 1964 bis 1999 das „Wohn- und Empfangsgebäude“ der deutschen Regierungschefs. Als Sinnbild der Machtzentrale der Bonner Republik, man traf sich hier mit wichtigen Staatschefs zu vertraulichen Gesprächen, verlor der Bungalow 1999 mit dem Regierungsumzug nach Berlin seine Funktion und stand bis 2006 leer. Das einstige „Wohnzimmer der Macht“ wurde zum verlassenen Ort. 2006 nahm die Wüstenrot Stiftung das Haus in ihr Denkmalprogramm auf und sanierte das Gebäude. Aufgrund dessen ist der Ort heute der Öffentlichkeit zugänglich: seit 2009 können sich (angemeldete) Besucher den Bungalow anschauen.

Und Gründe gibt es einige, um das zu tun. Das Gebäude gilt als herausragendes Beispiel westdeutscher Nachkriegsarchitektur. 1963 beauftragte Ludwig Erhard den Architekten Sep Ruf mit der Planung eines modernen und repräsentativen „Wohn- und Empfangsgebäudes“. Erhard wollte ein weltoffenes Haus, einen Ort der Begegnung und des Gesprächs. Also entwarf Ruf einen eingeschossigem Flachbau mit viel Glas und Licht bestehend aus zwei gegeneinander versetzten Quadraten unterschiedlicher Größe, die jeweils über einen Atriumhof verfügen.

Das größere Quadrat ist der Repräsentations-Bungalow. Es verfügt neben der Eingangs- und Empfangshalle unter anderen über ein Arbeitszimmer, einen großen Empfangsraum und einen Speiseraum. Die Anordnung der Räume erlaubt Durchblicke, Schiebe- und Versenkwände ermöglichen eine flexible Raumkombinationen. Durch  hohe Verglasungen entsteht eine Transparenz, die die umgebende Parklandschaft mit in den Raum einbezieht.

In dem kleineren Quader befindet sich die Kanzlerwohnung mit Personal- bzw. Gästezimmern. Im Vergleich zu der Offenheit des Repräsentationsquaders wirkt der private Teil des Hauses mit seinen vielen Zimmern kleinteilig und introvertiert. Helmut Kohl sagte später er fände die Korridore zu schmal, die Decken zu niedrig und die Räume zu klein.

Kanzlerbungalow Bonn, Parkansicht von Süden (Foto: Thomas Riehle © Wüstenrot Stiftung)

Kanzlerbungalow Bonn, Parkansicht von Süden (Foto: Thomas Riehle © Wüstenrot Stiftung)

Die auffällige Bescheidenheit des Baus wurde oft kritisiert, aber genau darum ging es Erhard und Ruf. Anders als Wohn- und Amtssitze in anderen Staaten sollte der Kanzlerbungalow kein Signal politischer Allmacht sein und sich bewusst von der ausufernden Nazi-Architektur abgrenzen. Den Besucher empfangen keine architektonischen Machtsymbole wie Säulen oder Treppen, es gibt noch nicht mal eine herrschaftliche Vorfahrt. Der Bungalow taucht unvermittelt hinter Bäumen auf.

„Nicht die Repräsentation ist das Entscheidende hier, sondern die menschliche Begegnung“, erklärte Erhard.

Der Bungalow ist auch ein Ort, an dem Zeitgeschichte erfahrbar wird. Schließlich wurde das Haus von sechs Bundeskanzlern in unterschiedlicher Intensität genutzt. Ziel der Sanierung und Instandsetzung durch die Wüstenrot Stiftung war es, den repräsentativen Empfangsraum wieder in den Zustand der Amtszeit Erhards zu bringen. Dafür wurden Berberteppiche, Lampen und Vorhänge nach Fotografien neu angefertigt, die ursprüngliche Möblierung restauriert und durch Zukäufe vervollständigt.

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Kanzlerbungalow Bonn, Empfangsraum mit Blick in das Atrium (Foto: Thomas Riehle © Wüstenrot Stiftung)

Es sollte aber auch in einem zentralen Bereich die Ausstattung aus der Ära Kohl erhalten bleiben (Helmut Kohl wohnte am längsten in dem Haus, fast 17 Jahre). Deshalb blieb das Speisezimmer mitsamt Halogen-Lichtdecke, rundem Tisch und Perserteppichen wie von Kohl hinterlassen. Auch der Privatbungalow wurde wie vorgefunden belassen. Für die Besucher des Bungalows sind so die unterschiedlichen Wohnstile unmittelbar nebeneinander erlebbar.

 

Und all das werde ich mir im Januar mal selber angucken gehen, da habe ich nämlich einen Termin im Kanzlerbungalow!

Beste Grüße
Nina Krüger

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