Brettspiel-Fieber, Teil 2

Liebe Leser,

am 19. Januar gab es den ersten Teil des Interviews mit dem gebürtigen Hildener Stefan Molz, der im Oktober 2015 mit seinem Team bei der „europe masters“ den 5. Platz erreicht hat.

Heute geht es weiter mit Teil 2:

6. Bei den „Deutschen Meisterschaften“ bekommen die Teams ca. 6 Wochen vorher die vier Spiele zugeschickt, die gespielt werden. Es handelt sich um Neuerscheinungen. Bei den „europe masters“ in Essen hat ein Komitee folgende Spiele ausgewählt: „Deus – Pearl Games“, „ZhanGuo – What’s Your Game“, „Orléans – dlp games“ und „Five Tribes – Days of Wonder“. Eines dieser Spiele liegt Ihnen so gar nicht, haben Sie mir verraten. Welches ist das und warum?

Zuerst muss ich sagen, dass ich von der letzten Auswahl wirklich begeistert war! Orléans, Deus und ZhanGou sind wirklich gelungene schöne Strategie- bzw. Taktikspiele, die auch sicher noch nach dem langen Training immer wieder meinen Tisch bevölkern werden, auch wenn wir sie im Moment noch etwas überspielt haben. Gerade für Orléans habe ich bereits viele kleine Erweiterungen erstanden und brenne darauf, diese auszuprobieren. Anders verhält es sich leider aus meiner Sicht mit Five Tribes. Während das Team Five Tribes mehrheitlich mag und es auch bei anderen Spielern eher positiv aufgenommen wird, gibt es andere, die es, wie ich, nicht ausstehen können. Das größte Problem aus meiner Sicht ist die sogenannte „Downtime“, also die Zeit, die man warten muss, bis man wieder an der Reihe ist oder in der nichts interessantes für einen selbst passiert. Genau diese ist in Five Tribes exzessiv. Ja, es gibt Spiele, da ist die Downtime länger, aber in Five Tribes spürt man diese stärker. Wenn bei Schach ein Spieler lange überlegt, dann kann der andere Spieler seinen Zug schon einmal voraus planen, da sich das Feld, bis auf eine Figur nicht mehr ändern wird. In Five Tribes ändert sich bereits nach einem Spieler die gesamte Situation auf dem Brett, da im Normalfall viele Figuren bewegt werden. So wird Five Tribes zu einem taktischen Knobelspiel, bei dem man erst anfangen kann zu knobeln, wenn man selbst an der Reihe ist und natürlich knobelt man entsprechend noch länger als der Spieler zuvor, da man ja seine Punktzahl übertreffen sowie die Möglichkeiten des Nachfolgers minimieren möchte…

7. Wie wird der Gewinner ermittelt – gibt es ein Punktesystem? Kann man auch bei Glücksspielen tricksen?

Jede Mannschaft tritt mit vier Mitgliedern an, wovon jeder einzelne hintereinander jeweils jedes der vier Spiele spielen wird. Wer gegen wen spielt wird zuvor für jedes Spiel neu ausgelost, so dass man nie gegen ein Teammitglied und auch nie zweimal gegen den gleichen Gegner spielt. Der Gewinner einer Partie erhält 5 Turnierpunkte, der 2. 3, der 3. 2 und der letzte 1 Turnierpunkt. Jeder zählt am Ende die errungenen Punkte zusammen (entsprechend 4 bis 20 Punkte). Die Teampunktzahl ergibt sich aus der Summe der von den vier Teammitgliedern gesammelten Turnierpunkte. Wir hatten bei der letzen EM zusammen 57 von möglichen 80 Punkten. Das Team mit dem  6. Platz hatte ebenso 57 Punkte, allerdings hatten wir mehr 1. Plätze, weswegen wir den 5. Platz erhielten. Grundsätzlich gilt bei jedem Spiel, dass es offensichtliches und verstecktes zu beachten gibt. In jedem Fall wirkt sich bei Strategie-, aber auch bei Taktikspielen, überlegtes Vorgehen stark auf die Punkte aus. Glücksspiele können hingegen kaum gesteuert werden, weswegen auch kaum „getrickst“ werden kann. Den Würfel können wir ja nicht verändern, aber evtl. hilft es, statt den vermeintlich sicheren Gewinner, auch mal den erreichbaren Zweitstärksten anzugreifen oder zu behindern, um wenigstens Zweiter werden zu können. Selbst einzelne sichere Turnierpunkte helfen dem eigenen Team und fehlen dem Gegner. Für einzelne simple taktische Überlegungen rechnet unser Statistiker auch gerne mal den Erwartungswert aus, so dass wir z. B. wissen, mit welchem Ergebnis eher zu rechnen oder welcher Auftrag profitabler ist. Dies wird im professionellen Bereich durchaus öfters gemacht, so dass dies nur gegen Laien ein „Trick“ wäre.

8. Wie viele Spiele haben Sie zu Hause und welches ist ihr absolutes Lieblingsspiel? Oder ihre Top 3 oder Top 5 oder …

In meinem Schrank, meine Freunde nennen es eher eine Schrankwand, stehen ca. 200 Brettspiele, von denen ich ca. 10 Stück noch nicht einmal gespielt habe. Damit stehe ich nicht alleine da. In unserem Spielerkreis besitzt fast jeder mehr als 100 Spiele, einer sogar weit über 1000. Ich selbst kenne wirklich viele Spiele und muss doch sagen, dass ich, wenn ich einmal ein Spiel lieb gewonnen habe, es am liebsten gleich mehrere Male hintereinander spielen möchte. Das ich dafür leider keine Zeit habe ist normal und so verweilen auch viele gute Spiele im Schrank, während meine Freunde und ich immer wieder die beliebten neuen und alten Klassiker herausholen.

Mein absolutes Lieblingsspiel ist das episch lange Strategiespiel „Im Wandel der Zeiten“, dass jetzt grade neu als frisch überarbeitete Fassung „Im Wandel der Zeitalter“ herausgekommen ist. Jeder Spieler führt seine eigene Zivilisation vom Steinzeitalter zur Moderne. Gewinner ist, wer am Ende am meisten Kulturpunkte vorweisen kann, die während des Spiels angehäuft oder eben vom Gegner gestohlen werden können. Um schneller zu sein, als seine Konkurrenten, können neben gewöhnlichen Verbesserungen der Produktion und der Vermehrung der eigenen Arbeiter auch Technologien erforscht, Pakte geschlossen, Militäreinheiten zu überlegenen Armeen zusammengeschlossen, der Gegner überfallen, Kolonien besiedelt und durch selbst hervorgebrachte Ereignisse die Situation der Welt für alle Spieler beeinflusst werden. Das Spiel selbst ist zur besseren Übersicht eher abstrakt, d.h. es werden z. B. keine Armeefiguren auf einer Weltkarte bewegt, sondern Militäreinheiten werden mit Karten und Militärstärke nur auf einer Leiste angezeigt. Zwar hat jede Zivilisation ein Brett, das Spiel an sich fällt aber gefühlt in die Kategorie Kartenspiel, da alle Aktionen und Verbesserungen durch Karten erfolgen. Insgesamt dauert das Spiel grob 1,5 Stunden pro Spieler so dass dies eher eine Strategieperle für einen Wochenendtag, als für den normalen Spieleabend ist.

Trough the Ages_1

 

 

 

 

 

 

 

 

An zweiter Stelle steht das beliebte komplexe Aufbaustrategiespiel „Agricola“, in dem jeder eine Bauernfamilie spielt, die im Laufe ihres Lebens einen aufblühenden Bauernhof errichten wollen. Dabei stellen sich Fragen, ob zuerst Acker gepflügt, Tiere gezüchtet, Ausbildungen erworben, Rohstoffe vom Markt besorgt, profitsteigernde Anschaffungen geleistet, das Haus für Kinder vergrößert oder renoviert werden soll. Jeder ist reih um dran und darf sich für eine Aktion entscheiden, anschließend beginnt wieder der Startspieler, bis alle Personenaktionen eingesetzt wurden. Wurde ein Aktionsfeld bereits genommen, darf sie in dieser Runde nicht noch einmal genutzt werden. Welche ist also grade wichtiger? Welche werden mir meine Gegner für die 2. Aktion übriglassen? Alle Entscheidungen wollen wohl überlegt sein, da bereits nach wenigen Runden zusätzlich alle Familienmitglieder mit vielen Nahrungsmitteln ernährt werden wollen. Richtig gut gelungen ist die mit im Spiel enthaltene Familienversion, die durch einfachere Regeln einen langsamen Einstieg in das komplexe Hauptspiel erlaubt oder auch einfach so alleine immer und immer wieder gespielt werden kann. Die Familienversion verkürzt zwar auch sie Spielzeit, dennoch ist Agricola bei 2 und mehr Stunden anzusiedeln.

Agricola

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Spieletipps erfahrt Ihr im 3. Teil des Interviews am 01.03.2016!

Beste Grüße

Nadine Reinhold

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Brettspiel-Fieber, Teil 2

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