Die Proxemik fährt im Aufzug mit

 

Liebe Leser,

letztens hatten wir eine Fortbildung zum Thema „Interkulturelle Bibliotheksarbeit“, in deren Rahmen wir auch über interkulturelle Kommunikation geredet haben. Hier ging es weniger um die gesprochene Sprache, denn es ist ja offensichtlich, dass die in verschiedenen Kulturen anders ist, sondern mehr um die Unterschiede in der nonverbalen Kommunikation. In diesem Bereich gibt es nämlich viele Signale/Symbole, die sich kulturell entwickelt haben und ähnlich wie die Wortsprache erlernt werden müssen. Deshalb können sie genauso nicht oder falsch vom Gegenüber verstanden werden. Das ist uns aber oft nicht bewusst, wenn wir jemanden treffen, der in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen ist und wir versuchen uns zu verständigen.

Am Beispiel der „Proxemik“ möchte ich erklären, warum es zu Missverständnissen bei interkultureller Kommunikation kommen kann. Den meisten ist bekannt, dass Gestik und Mimik zur nonverbalen Kommunikation gehören, aber auch die Proxemik ist Teil davon. Unter Proxemik versteht man das Teilgebiet der nonverbalen Kommunikation, das sich mit dem Raumverhalten beschäftigt. Denn, so stellte Edward Hall, einer der wichtigsten Forscher auf diesem Gebiet, fest: „die menschliche Nutzung des Raumes ist kommunikativ“. So kann der Abstand zwischen zwei Gesprächspartnern auf den Grad ihrer Vertrautheit und Zweck ihrer Kommunikation hinweisen. Klingt unverständlich? Es wird gleich anschaulicher und wenn Ihr das nächste Mal in einem Aufzug steht, wisst Ihr, wovon ich hier schreibe.

Hall unterscheidet vier „Distanzzonen“: die intime, die persönliche, die soziale und die öffentliche Distanzzone. Die intime Zone (0 – 45cm) dürfen nur Menschen betreten, die uns emotional nahe stehen, also zum Beispiel Partner, Kinder, Eltern, enge Freunde. Und Haustiere. 🙂 Die persönliche Zone (45 – 120 cm) hält man in Situationen ein, die der Kontaktpflege dienen, wie zum Beispiel auf Partys oder Konzerten. Die soziale Zone (120 – 360cm) versucht man einzuhalten bei Personen, die man nicht genauer kennt, aber mit denen man gezwungenermaßen zu tun hat, wie beispielsweise Handwerker oder Verkäufer. Und die öffentliche Zone (ab 360 cm) ist die ideale Distanz, wenn man es mit einer anonymen Personengruppe zu tun hat.

Dieses Distanzempfinden ist kulturell geprägt, variiert also darin, wie groß die einzelnen Zonen sind. Deshalb kann es zu Missverständnissen kommen, wenn sich zwei Menschen, die in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sind, treffen. In lateinamerikanischen Ländern ist die persönliche Zone zum Beispiel viel weniger groß als bei uns. In arabischen Ländern gilt es sogar als unhöflich, ein Stück wegzutreten, wenn jemand zu nahe kommt. Ein Japaner dagegen könnte einen Europäer im Gespräch als aufdringlich empfinden, während der Europäer den Japaner für distanziert hält.

Die Nähe eines anderen Menschen und der Körperkontakt besitzen eine direkte, starke Wirkung. Es ist eher unproblematisch für uns, Fremde in unsere persönliche oder soziale Distanzzone zu lassen. Sobald aber eine unbekannte Person in die intime Distanzzone eintritt, führt dies zu einer körperlichen Reaktion, die auf unsere Urinstinkte zurückgeht. Wir versuchen dann u.a. unsere Emotionen zu verbergen. Für die richtige Distanz zu anderen Menschen haben wir ein feines Gespür und instinktiv nehmen wir in einem Raum einen Platz ein, der für uns angenehm ist. Wenn wir zu Nähe gezwungen werden, z.B. weil der Raum zu klein ist, empfinden wir die Situation als leicht unangenehm.

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Stehen wir im Aufzug oder in einem vollen Zug und können einen Abstand von mehr als 45 Zentimetern nicht einhalten, müssen wir die intime Distanzzone des Anderen betreten. In den meisten Fällen versuchen wir dann, keine Emotionen zu zeigen, uns nicht zu bewegen, das Gegenüber zu ignorieren und wir vermeiden Blickkontakt. Kennt Ihr, oder? Ist doch gar nicht so schwierig zu verstehen, das mit der Proxemik.

Beste Grüße
Nina Krüger

 

 

 

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