100 Km in 24 Stunden Teil 2

Liebe Leser,

den Anfang meiner 100 km-Wanderung  habe ich vor kurzem geschildert. Heute geht es weiter. Es ist drei Uhr nachts, wir feiern Bergfest nach 50 km. Alles tut weh, von Kopf bis Zeh. Wir setzen einen Fuß vor den anderen, wir ziehen keine Kärtchen mehr, wir reden nicht mehr miteinander. Viel zu anstrengend. Mittlerweile geht es nur noch um das Ankommen. Wenn wenigstens die Sonne wieder aufgehen würde. Bei Kilometer 70 etwa, dann wird es schon hell sein, kommen wir in einen Ort. Dort werden wir einen Bäcker ansteuern und uns Brötchen und Kaffee gönnen. Der frische Kaffee wird zur Motivationsquelle Nummer 1. Rund vier weitere Stunden wandern wir mit nur diesem einen Gedanken im Kopf: Endlich Kaffee. Leider haben wir uns inzwischen mehrmals verlaufen, bzw. mussten Umwege gehen, weil ein Weg gesperrt war. Die Ankunft im Ort verzögert sich also, und es wird klar, dass wir nun mehr als 100 km gehen müssen.

Die Sonne geht auf

Endlich geht die Sonne auf. Ein Moment, den wir uns vorher als sagenhaft vorgestellt haben, eins mit der Natur, dem Tag entgegen… von wegen. Wir sind mittlerweile so erschöpft, dass selbst Freude zu anstrengend ist. Ein müdes, dankbares Lächeln. Kurzes Innehalten, dann weiter gehen.

endlichhell

Nach 72 Kilometern erreichen wir die Zivilisation. Und es ist wieder hell. Leider führt der Weg nicht direkt durch den Ort, sondern nur durch ein Wohngebiet. Und es ist Sonntagmorgen. Von einem Bäcker weit und breit keine Spur. Wir sind schlapp, hungrig, durstig und nicht bereit auch nur einen Schritt weiterzugehen als unbedingt erforderlich. Wir befragen Google nach der nächsten Bäckerei, laufen hin und – GESCHLOSSEN! Es gibt noch eine zweite Option, allerdings klingt die eher nach Backstube als Bäckerei. Wir schleppen uns den Weg wenig hoffnungsvoll weiter bis zu diesem Moment, als uns plötzlich ein Mann entgegen kommt, mit einer Tüte frischer Brötchen im Arm! Ich hab Tränen in den Augen. DANKE! Wenig später erreichen wir unser Ziel und es ist wie im Himmel. Eine geöffnete Bäckerei mit allen Köstlichkeiten, kalten Getränken und dem heiß ersehnten Kaffee!

FrühstückEs gibt sogar zwei Tische und Stühle. Wir gönnen uns nach 73 Kilometern die erste richtige Pause und nehmen uns 30 Minuten Zeit, um in Ruhe zu frühstücken, unser Proviant aufzustocken und die Route neu zu planen, um ein paar Kilometer einzusparen. Dies ist definitiv einer der schönsten Augenblicke dieser Wanderung. Was ein Kaffee und ein Brötchen doch bewirken können. Und die neue Planung lässt uns hoffen. Wir beschließen eine Abkürzung an der Straße entlang zu nehmen und den Wanderweg zu verlassen. Wir wollen nur noch ankommen.

An die Grenzen und darüber hinaus

Mit neuem Wasservorrat, Kuchen und Brötchen geht es nun auf den letzten Teil unserer Reise. Zunächst läuft es besser. Ich spüre deutlich die neue Energie. Trotzdem tut noch immer wirklich alles an mir weh, abgesehen vielleicht von meiner Nase und meinen Ohren. Es geht schon längst nicht mehr darum an meine Grenzen zu gehen. Ich bin kilometerweit von meinen Grenzen entfernt. Es geht auch nicht darum die körperlichen Grenzen auszuloten, sondern um die Grenzen im Kopf. „Es ist reine Kopfsache“. Zum ersten Mal verstehe ich was damit gemeint ist. Schmerz und Erschöpfung sind Zustände mit denen man erstaunlich lang leben kann. Und dies völlig unabhängig davon wie trainiert man ist. Entscheidend ist allein die Willensstärke. Das Durchhaltevermögen.

An der Straße entlang machen wir zunächst gut Strecke, kommen gut voran. Die letzen 15 km führen dann wieder über Stock und Stein. Und nun werden uns zu guter Letzt noch einmal alle nur erdenklichen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Zuerst werden die Wege immer schlechter, dann geht es immer öfter steil bergauf. Und es kommt die Sonne heraus, sie brennt gnadenlos. Als ich denke: „Schlimmer kann es nicht mehr werden.“ löst sich die linke Sohle bis zur Mitte von meinem Schuh. Weitergehen wird nun praktisch unmöglich. Es fehlen noch elf Kilometer.

Aufgeben?

Die Hitze, die Erschöpfung, der Schmerz, der Schuh, alles spricht dafür die Flinte ins Korn zu werfen. Aber wenn man soweit gegangen ist, dann ist Aufgeben keine Option mehr. Wir kommen an einem kleinen Häuschen vorbei, ein älteres Pärchen sitzt bei Kaffee und Kuchen im Garten. Ich stehe am Zaun und frage: „Verzeihung, mein Schuh ist auseinander gefallen, hätten Sie wohl etwas Klebeband?“. Verwundert aber freundlich wird mir mit einer Rolle Paketklebeband ausgeholfen und es kann nun weiter gehen. Die letzten elf Kilometer absolvieren wir langsam aber stetig ohne besondere Ereignisse. Wir setzen einfach nur einen Fuß vor den anderen, denken nur bis zum nächsten Schritt. Wir zählen die letzten Kilometer runter. Und dann kommt DER MOMENT.

100KmUnser GPS-Gerät meldet die 100 km. Wir stehen mitten im Wald, noch ca. drei Kilometer vom Ziel entfernt. Wir umarmen uns und gratulieren uns zu diesem Erfolg. Wir gönnen uns eine letzte größere Pause. Ich habe erwartet, dass mein Körper diese Anstrengungen mit einer Lawine von Glückshormonen honorieren würde, aber ich war einfach nur froh, dass es vorbei war. Die letzten Kilometer bis zur Jugendherberge waren wieder eine Quälerei, aber auch die schafften wir noch. Ich warf meine Schuhe in den Müll, schwankte unter die Dusche und wollte nur noch ins Bett. Wir waren uns einig: „So einen Mist machen wir niemals wieder!“.

Der Tag danach

Erstaunlicherweise hielt sich der Muskelkater am nächsten Tag wirklich in Grenzen. Die Füße, übersät mit Blasen, machten noch einige Zeit Beschwerden, aber ansonsten war wirklich alles in Ordnung. Ich habe viel über mich gelernt in diesen 24 Stunden. Ich weiß jetzt, dass Unmögliches manchmal doch möglich ist. Wichtig ist, es wirklich zu wollen. Der menschliche Körper kann wirklich viel ertragen, und das Gehirn vergisst recht schnell. So lagen wir am kommenden Tag in der Sauna-Anlage am Pool mit einem kühlen Getränk, voller Stolz und dachten: „Ach, so schlimm war es nun auch wieder nicht…, oder?“.

Würde ich es also noch einmal machen? Tja, nicht sofort. Aber mit einer besseren Planung und dem Wissen von heute…. vermutlich ja.

Beste Grüße

Karin Neugebauer

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