Rauben Nordkoreaner japanische Kinder?

Liebe Leser,

seit vielen Jahren sehe ich mir sonntags immer gerne den „Weltspiegel“ in der ARD an. Mich interessiert, wie es anderswo auf der Welt zugeht. In der Sendung am 26. Mai gab es einen Beitrag über Megumi Yokota. Sie war 13 Jahre alt, als sie am 15. November 1977 an der japanischen Küste einfach verschwand. Erst 25 Jahre später gibt Pjöngjang zu: Gekidnappt von seinen Agenten. Verschleppt nach Nordkorea. Mit dem Schiff übers Meer. Als ich diesen Beitrag sah, war ich fassungslos. Unvorstellbar – eine solche Tat!

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Über Nordkorea ist insgesamt nur sehr wenig bekannt. Es gibt kaum Einblicke in das Land und ebenso wenig Literatur darüber. Erstmalig las ich in Jacques Berndorfs Thriller „Bruderdienst“ über das Leben in diesem abgeschirmten Land. Aber der Anteil, der sich auf Nordkorea bezog, war nicht sehr umfangreich.

Als Lektorin für die belletristische Literatur halte ich die Roman-Neuerscheinungen im Auge und als ich einen Artikel über „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ fand, war klar, dass ich dieses – mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete – Buch anschaffen würde. Denn der Roman handelt von Nordkorea. Erzählt wird die wirklich abenteuerliche fiktive Biografie des Waisenjungen Jun Do, der auf den oben genannten Fischerbooten vor der japanischen Küste Dutzende von Personen raubt und nach Nordkorea verschleppt.

Hätte ich kurz vorher nicht den Bericht im Weltspiegel gesehen, ich hätte es nicht für möglich gehalten.Warum rauben Nordkoreaner die Personen? Weil sie von ihrem Wissen/Spezialwissen oder einfach nur den Sprachkenntnissen profitieren wollen …

Der Roman des US-Amerikaners Adam Johnson spinnt die Biografie des Waisenjungen Jun Do (Waisenkinder zählen in Nordkorea zum untersten Bodensatz der Gesellschaft) weiter. Nach den Jahren als Entführer wird er als Funker eingesetzt, der auf halb verfallenen Fischkuttern Funksprüche anderer Nationen abfängt. Danach wird er zur Sprachschule geschickt und soll englisch lernen. Mit dem neuen Sprachkenntnissen wird er auf eine Reise in die USA mitgenommen, wo ein hoher Genosse für den „Geliebten Führer“ „Dinge organisiert“, nicht immer auf legale Weise. Da es in Nordkorea jedoch sehr schnell möglich ist, in Ungnade zu fallen, landet er nach der Rückkehr in den USA in einem Gefängnisbergwerk. Daraus wiederum kann er flüchten, in dem er einen hohen General ermordet und seine Rolle einnimmt; sogar mit Ehefrau und Kindern.

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Was hier schon abenteuerlich klingt, liest sich noch viel unglaublicher. Nicht nur die ungeahnten Wendungen sorgen immer wieder für Überraschungen. Die Alltagsschilderungen aus diesem Land des permanenten Mangels, Hungers und der Willkür sind teilweise so drastisch in ihrer nebensächlichen Darstellung, dass sie wirklich unter die Haut gehen. „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ ist kein Roman, den man mal eben nebenher lesen kann. Das würde ihm nicht gerecht. Und so habe ich mich über mehrere Wochen zum Teil durch die ca. 680 Seiten  gekämpft, weil ich nicht aufgeben wollte, egal, wie belastend ich die Schilderungen auch empfand.

Es handelt sich um einen Roman, d.h. eine fiktive Handlung. Sechs Jahre hat der Amerikaner Adam Johnson recherchiert, um sich ein Bild von Nordkorea zu machen, auf Reisen in das abgeschottete Land, in den Berichten von Flüchtlingen, in Interviews. Die Rezensionen in den überregionalen Zeitungen sind sehr schwankend in ihren Beurteilungen zum Roman.

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Für mich war jedoch eines klar, nachdem ich das Buch beendet hatte: Stimmt nur 1/3 oder 1/4 der Dinge, über die Johnson schreibt, dann ist das schon schlimmer, als wir uns hier vorstellen können.

Wer mal was anderes lesen möchte, als den neuen Grisham, Sparks oder die neue Reichs oder Gerritsen, dem sei dieses Buch empfohlen. Leider ist es bisher nicht als Hörbuch erhältlich.

Beste Grüße
Claudia Büchel

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