Mein Praktikum im Stadtarchiv – Teil 3

Archive befassen sich aber nicht nur damit, Dokumente zu lagern, zu erhalten und benutzbar zu machen, sie beschäftigen sich auch tiefergehend mit den enthaltenen Informationen.
Zum Beispiel erforschen und erstellen Archive auch Chroniken.

Regale

Das Archiv hat auch eine kleine Bibliothek.

Dass das gar nicht so einfach ist, stellte ich bei dem Versuch fest, eine Chronik über die wichtigsten Ereignisse in Hilden im Monat meiner Geburt zu erstellen. Die Zeitspanne war sehr begrenzt und als Quelle dienten mir nur die Ausgaben der Rheinischen Post aus diesem Monat, die ich mit Hilfe des Mikrofilmlesegeräts einsehen konnte. Dennoch war es gar nicht leicht, zwischen unwichtigen und wichtigen Ereignissen zu trennen.
Umso schwieriger wird es, je länger der Zeitraum wird und je mehr Quellen zur Verfügung stehen.
Umgekehrt bereitet auch das Auswerten einer Chronik mitunter Schwierigkeiten. Um mit den aufgeführten Informationen richtig umzugehen, ist es hilfreich, den Chronisten zu kennen, der die Wichtigkeit der Ereignisse bewertet hat. Da jeder Mensch anders ist und andere Vorlieben, Abneigungen und Gedanken hat, bewertet auch jeder die Ereignisse anders.
Außerdem spielt es natürlich auch eine Rolle, ob die Chronik zeitgleich mit den Ereignissen erstellt wird oder erst weitaus später, wenn bestimmte Konsequenzen aus scheinbar unwichtigen Ereignissen erst kenntlich werden.
Es gibt noch jede Menge anderer Faktoren, die eine Rolle spielen; Herkunft, Geschlecht und Religion sind nur Beispiele.

Eine solche Chronik nahm ich bei einer anderen Aufgabe zu Hilfe. Ich sollte ein Bild datieren.
Ich bekam eine Luftaufnahme von Hilden in die Hand und sollte herausfinden, wann die gemacht wurde.
Oft finden sich in übernommenen Beständen undatierte Fotos und um diese korrekt zu archivieren, müssen die Archivmitarbeiter Motiv und Aufnahmezeit bestimmen.
Bei der Luftaufnahme ließ sich die Jahreszeit anhand der Bäume erkennen. Über das Jahr hingegen gaben sie keine Auskunft. Ich konnte den Zeitraum weiter eingrenzen, als ich beobachtete, dass bestimmte Gebäude noch nicht gebaut worden oder noch im Bau befindlich waren. Mit Hilfe der Chroniken über Hilden aus den Hildener Jahrbüchern konnte ich so den Zeitpunkt der Aufnahme weiter eingrenzen, indem ich nach Informationen über besagte Gebäude suchte.
Bei der mir vorliegenden Aufnahme war es noch relativ einfach. Es wird schwieriger, wenn das Motiv unbekannt ist und man zum Beispiel erst herausfinden muss, welche Stadt oder Person überhaupt abgebildet ist. Das ganze Vorgehen erinnert an Detektivarbeit, denn man muss sorgfältig nach Hinweisen suchen und diesen dann nachgehen.
Archivmitarbeiter sind also so etwas wie Geschichtsdetektive.
Als solche müssen sie auch in der Lage sein, die verschiedensten Schriften zu lesen. Dazu gehören nicht bloß handschriftliche Notizen aus neueren Akten, sondern auch die verschiedenen alten Schreibschriften, die teilweise seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt werden. Im Archiv werden solche Schriften übersetzt, damit sie auch von Leuten gelesen werden können, die in den alten Buchstaben nur noch wirre Kringel erkennen können.
Solche Kringel habe ich auch nur gesehen, als ich den ersten Blick auf einen etwa 150 Jahre alten Text warf.

Handschrift

Vor rund 150 Jahren sahen die Buchstaben noch ein bisschen anders aus.

Mit Hilfe eines Lehrbuches und eines Alphabets kam ich den Kringeln jedoch auf die Spur und konnte sie erst als Buchstaben, dann als Wörter identifizieren und so den Text verstehen. Aber es hat seine Zeit gedauert. Besonders schwierig ist es, wenn man aus dem bisherigen Kontext heraus erschließt, wie das nächste Wort lauten muss, sich dabei aber irrt. Ich habe dann krampfhaft versucht, die Buchstaben zu finden, die ich erwartet habe, anstatt die zu erkennen, die tatsächlich da standen. Hinzu kam, dass es sich um ein heute nicht mehr gebräuchliches Wort handelte. Es hat dann geholfen, den Text für einen Moment beiseite zu legen, sich einer anderen Aufgabe zu widmen und es dann noch einmal etwas unvoreingenommener zu versuchen. Archivarbeit erfordert viel Geduld und Durchhaltevermögen.

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